Eva Kohlrusch, die Journalistin

Texte von Eva Kohlrusch

GANZ HEISSE TEXTE

Liebe web-Besucher und künftige Garten-Gäste,

 

natürlich ist es viel zu heiß, um zu lesen. Es wäre auch zu heiß, um einen Garten zu besuchen. Oder in die Stadt zu fahren. In die Mitte des Backofens. In die Mitte, in der die Luft simmert vor den weißen Wänden und der Asphalt zu seufzen beginnt. Alle Menschen, die dort herumgehen, gehen mit Zeitlupenschritten. Wer fährt, hängt die Arme durchs Fenster. Nur nicht stehen bleiben müssen! Unterm Autoblech wird der Verstand gesotten. Kleinste Flamme, blödmachend. Manche Autolenker sind schon gar geköchelt. Könnte sein, bald trifft es auch die Autoren...


Aber dieses mediterrane Gefühl, in der Hitze an einem schattigen Ort im Internet zu hocken und dumpf die Zeit wiederzukäuen - es will doch einmal ausgekostet sein – oder? Also, los: Lesen!


Hier sind meine gesammelten Columnen über Hitze, alle erschienen im Kurt-Falk-Verlag, Wien: 

 

 

 

UND ÜBERHAUPT... Heiß, heißer, Sommerloch

Hatte das eigentlich irgendwer prophezeit, was für ein Sommer dies werden würde? Mit Backofentagen und Karibikgefühl, mit Nächten, die so weich und fremd auf der Haut sitzen wie sonst nur die Nächte im Urlaubsland? Tagsüber bewegen sich die Menschen im Zeitlupentempo, aber noch um Mitternacht vibriert die Stadt, weil niemand nach Hause will. Überraschenderweise wird das alles morgen wieder so sein; man braucht nicht einmal die Stühle von der Terrasse zu räumen. Ja, so ähnlich hatten wir uns den Sommer immer gewünscht. So verlässlich, so warm, so sinnlich, wenn zufälliger Wind über die Schultern streicht. Aber nun sagen Sie selbst: Wie soll man arbeiten können bei diesem Klima? Schließlich kennen wir keine Siesta, keine steinernen Böden überall im Haus, nicht einmal einen Olivenbaum, unter dem wir einen bedenkenlosen Nachmittag verdösen könnten.


Nein, Tage wie diese sind nicht zum Arbeiten geschaffen. Sie überfallen den gemäßigten Mitteleuropäer ohne jede ethische Vorwarnzeit , selbst Streber verfallen bei 40 Grad dem Mittagsblues. Und auch mir ist der Kopf matt, mir fällt einfach nichts ein. Ich träume davon, dass diese oder jene Zeitung einfach leere Seiten bringen würden, auf denen nur eines steht: „Wir haben es nicht geschafft, alle Nachrichten zu sortieren – es ist einfach zu heiß dafür!“ Einmal, ein einziges Mal hat die berühmte Londoner ‚Times’ etwas Ähnliches gemacht und auf ihre erste Seite nur Kleinanzeigen gesetzt mit dem Vermerk: „Heute ist nichts passiert... Wir üben unseren Beruf aus, der darin besteht, euch zu sagen, was wichtig ist. Heute sagen wir euch, dass nichts wichtig ist.“ Wären Sie also einverstanden, lieber Leser, wenn ich Ihnen hier heute ein klitzekleines gedankliches Sommerloch präsentiere? Es würde allerdings bedeuten, dass an dieser Stelle ein leeres kleines weißes Feld erschiene. Naja, notfalls stellen Sie Ihren Ventilator drauf...

 

Eva Kohlrusch 

 


UND ÜBERHAUPT... Viel zu heiß in der Stadt 
Früher einmal, in einem anderen Arbeitsleben, hatte ich ein klimatisiertes Büro. Das heißt, das Wort trifft nicht, um was es da ging – es handelte sich eher um einen Ort ohne Klima. Das Büro war nämlich dauerkühl. Da konnte in der realen Welt der Asphalt schmelzen – am Schreibtisch herrschten ständig 20,2 Grad, was einerseits den Fleiß steigert, andererseits überheblich gegenüber Schwitzenden macht. Auch war das Luftgemisch so gleichmäßig sauerstoffreich dosiert, dass uns nie die klitzekleinste Siesta-Müdigkeit anflog. Vielmehr sah der Sommer draußen vorm Fenster unwirklich aus, als habe ihn jemand als Filmleinwand aufgespannt: Wir sahen die Frauen auf der Straße in leichten Kleidern einherschreiten, die Hitze flirrte, Männer mit offenen Hemdkragen lagerten träge auf dem Rasen, während wir in unserem Kühl-Büro Strickjacken um die Schultern zogen. Unsinnlich war’s, aber wir bildeten uns viel auf unsere Schaffenskraft ein.


Und nun sitze ich hier in meinem Wohnzimmer, und die Hitze heizt um mich herum, schwül drückt sie aufs Hirn. Ich warte auf eine kühl herbeigefächelte Idee, aber der Tag wird nur heißer, und die Gedanken sind Brei. Ich überlege, ob ich Ihnen von Piri erzählen sollte, meinem weißen Kater, aber der liegt seit Stunden unterm Schrank und gibt keine Anekdote von sich. Ich könnte auch einmal wieder etwas über das Liebesleben der Pflanzen auspacken, aber dann müsste ich die Leiter am Bücherregal anlegen... nein, dafür ist es heute viel zu heiß. 


Manchmal überlege ich, was wohl aus uns allen geworden wäre, hätten wir das ganze Jahr hindurch 30-40 Grad. Wir zögen um vier Uhr in der Früh zum Fischfang hinaus und säßen danach irgendwo im Schatten. Wir täten wenig, aber Sinnvolles; wir würden Netze flicken und unter einem Feigenbaum Weisheiten des Lebens bebrüten. Und vermutlich, Herr Nachbar, Frau Nachbarin, begänne gerade die Zeitung unter ihrem Brillenglas zu brennen, weil Sie eingeschlafen sind...

 

Eva Kohlrusch 

 


UND ÜBERHAUPT… Die Sahara in uns 
Stellen Sie sich vor, wir hätten jetzt zehn Grad plus, und da draußen eilten die Menschen, die Kragen hochgestellt, nichts als Fleiß und Hast im Sinn, nur hin und wieder tanzten Atemwölkchen durchs Mittagslicht. Ob wir uns, wenn es denn jemals wieder kühl werden sollte, noch daran erinnern werden, wie das Lebensgefühl in der Affenhitze des Julis war? Ob wir das noch nachvollziehen können, welche schwitzenden Klöße sich da voran bewegten, mit Glut direkt unter der Haut und nichts als Trägheit im Blut? 


Überhaupt wäre es einen Gedanken wert, wer wir wären, würde das Sahara-Klima bei uns zur Gewohnheit werden. Vielleicht hätten wir die Siesta eingeführt, und die Gewerkschaften stritten darum, ob sie von 11 bis 15 Uhr oder länger stattfinden sollte und ab wann dann Zuschläge für Abendarbeit fällig wären. Vielleicht hätten wir nicht nur schwarze Gewänder, sondern den stillen Stolz der Beduinen angelegt und würden wie sie süßen, heißen Tee trinken, während wir schwarze Ziegen zu den heimlichen Quellen der Wüste treiben. Vielleicht würden wir den Blues neu erfinden, vielleicht schafften wir die Geldautomaten ab. Vielleicht würden wir einfach nur die Langsamkeit wieder lieben, hoffentlich ahnten wir, welch überbordender Luxus es ist, sich kühlendes Wasser über den Puls laufen zu lassen, einfach so unterm Wasserhahn. 


Immerhin ist man wie betäubt, sich selbst als Urlauber im eigenen Land zu erleben. Alles andere als arbeitsam, eher zeitlupenmatt. Immer auf der Suche nach Kühlung, am liebsten halbnackt. Und gar keine Lust auf Etikette - mögen die Hemden noch so knapp, der Rest der Kleidung noch so verknautscht sein, während der Schweiß den Hals hinunterrinnt. Jetzt an Wahlkampf oder auch nur an die Tour de France zu denken, grenzt schon an Masochismus. Wir sind plötzlich Sommerwesen, total überhitzt, doch lässig bereit für die glühende, leere Sahara in uns. Wer weiß, was aus uns allen geworden wäre, würden wir immer erst, wenn die Dämmerung kühlt, zu denken beginnen. Unsere Poesie wäre anders, die Wissenschaft auch. Und unsere Lust, innovativ zu sein, hätte ganz andere Ziele gefunden. Gewiss hätte ich Ihnen dann auch irgendwas aus 1001 Nacht erzählt. So aber bin ich schon froh, dass Sie und ich bis zu dieser Zeile gekommen sind. Sorry, dass mir nichts Tiefgekühltes eingefallen ist.

 

Eva Kohlrusch

 


Text aus 2012: UND ÜBERHAUPT... Die Hitze und das Sommerloch 
Man ahnte es schon: Wieder war Hitze im Anmarsch. Nicht nur die Luftströmungen verrieten es – präziser war die Tatsache, dass seriöse mitteleuropäische Nachrichtenmagazine immer unwichtigere Geschichten erzählten. Und schon klafft es wieder - das Sommerloch. Wann sonst hätte der ‚Spiegel’ berichtet, dass ein Dalmatiner ein Lamm adoptierte, dass Spaziergänger eine Flugzeugtür im Wald fanden und dass ein Polizist sich als Oma verkleidete, um einen Bankräuber zu fangen?


Kaum vagabundieren Geschichten wie diese durchs Internet, ist klar: Es folgt Hitze. Und nun sitze auch ich hier schwitzend und habe nichts Wesentliches zu erzählen. Du trinkst zuwenig, sagt mein Mann. Du musst mit den Fingerkuppen links und rechts unters Scharnier der Unterkiefer auf die Aorta drücken, sagt die Freundin. Bloß jetzt nichts Eiskaltes trinken, sagt die Nachbarin. Lauwarme Fußbäder helfen, rät jemand im Radio. Gut. Sitze ich also da mit den Füßen im Lauen, trinke viel und presse die Halsschlagadern. Es nützt nichts. Es ist einfach zu heiß. Natürlich könnte man in ein Kühlhaus abtauchen, sich vor Ventilatoren hocken, klimatisiert Taxi fahren oder ein wenig Lebenszeit in der Badewanne verplätschern - aber jeder Antrieb schmilzt dahin. Es ist zu heiß.


Schon seh ich mich gar geköchelt wie ein Hendl, dem das weiße Fleisch von den Knochen schwimmt. Der Verstand zerrinnt sowieso. Im Fernsehen gackern Eis essende Moderatoren und reden von „gebrunzelten Hirnen“. Auch ich halluziniere, sehe meine Extremitäten zu breiigen Bächen zerlaufen - Eiscreme, Sorte Waden und Hüftgold. Gleich werden wichtige Teile von mir über die Fliesen gleiten. Der Rest wird verdampfen. Ein letzter Seufzer, pfhhh. Ob das Herz übrig bleibt? So ein dumpfes schweres Pochen, das in den Erdboden sackt und dort blubbert wie ein eingesperrter Geisir in Island? 


Dass der Sommer aber auch so übertreiben muss! Immer träumt man von schönen blauen Tagen wie diesen, und dann kommt so ein Hoch und senkt einem seine "feuchte und labile Meeresluft" in die Seele, wo sie sich sofort in Arbeitsunlust und Stöhnen verwandelt. Klima ist nicht außen; Klima sitzt in uns drin und verwandelt uns nach Gutdünken. Erstaunt erkennt man den eigenen trägen Kern tiefdrinnen und seufzt oder meckert... Halt, ein Mittel gibt's, das das Stöhnen stoppt: Schau auf Amerikas Waldbrände, auf Spaniens 45-Grad-Glut, auf die Wüstenstaaten und andere Extrem-Zonen brütender Hitze. Schon bist du still: Uns geht’s ja noch Gold. Das bisserl Backofenstress, pahhh! Tut mir nur leid, dass auch ich Ihnen nur Sommerloch präsentiere. Oder hätten Sie doch gern Genaueres über jenen werdenden Vogelvater erfahren, der eins seiner Familien-Eier vor Hochwasser rettete?

 

Eva Kohlrusch

 

 

Für die übernächste Woche schon mal dies:
UND ÜBERHAUPT… Drei Woche Hitze…
… und nun das: Wir haben zum ersten Mal wieder gefroren. Es war wunderbar! Nur ein Streifen Sonnenlicht lag über dem Frühstückstisch auf der Terrasse. Der hohe Birnbaum ließ kein weiteres Licht hindurch, und die ganze Frühstücksgesellschaft sah sich fragend an, ob auch die andern so etwas fühlten, was man vor scheinbar endloser Zeit einmal Frösteln nannte und das einem für einen überraschten Moment den Atem nahm wie sonst nur der Sprung in den kühlen See. Doch wirkten alle gut gelaunt wie schon lange nicht mehr. 


Felix, den man während der Hitze nur abends zu Gesicht bekommen hatte, thronte nun am Kopfe der Tafel und schob mit anmutiger Geste die herbeifliegenden Wespen vom Marmeladentopf davon. Oma Kutja hatte für sich den Sonnenstreifen reserviert, die schöne Miella, die sonst eher schüchtern ist, drängte sich an ihren Nachbarn Kopernikus, was ihn bewog, ihr galant den einzigen bepolsterten Stuhl zu überlassen. Maxi, die in der Früh sonst immer die Zickigste ist, schaute unternehmungslustig aufs Feld hinaus. Kati blinzelte selbstzufrieden vor sich hin. Moritz gähnte herzhaft wie einer, der Lufthunger hat. Der alte Piri hingegen saß königlich wie seine eigene Statue da; nur hin und wieder bauschte ein Windhauch sein weißes Haar. Kurzum: Eine absolut genießerische Runde hockte da beisammen; niemand miaute, niemand ließ sich gehen wie noch am Abend vorher. 


Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen aussah in der Gluthitze – bei uns war das selten elegant. Piri zum Beispiel machte das bei 30 Grad so: Legte sich rücklings im Garten nieder, ließ die Beine etwas obszön auseinander fallen, verrenkte Kopf und Hals, dass man nicht mehr wusste, wo unten und oben war - Hauptsache, unten fühlte er kühles Gras, und oben war Schatten. Moritz verschwand für Stunden im Baumhaus und kam dann jedes Mal ziemlich verknautscht mit einer Zecke heim. Auch Kati und Kutja beteiligten sich nicht mehr am Familienleben, sondern lümmelten stumm und mit allerlei Hitzeverrenkungen auf den Sofas herum, und ich, die ebenso mürbe gekochte Hausfrau, ließ sogar Maxi gewähren, als die den Marmortisch zu ihrem Schlafplatz auserkor Nun jedoch, wo die Kühle uns wieder hat und die Tischrunde Kraft zur alten Vornehmheit haben dürfte, muss ich leider meines Amtes walten. Also: Husch, husch, ihr Katzen Kati, Kutja & Co. - verlasst den Frühstückstisch! Bei 20 Grad Celsius in der Früh führen wir wieder Benimmregeln ein!

 

Eva Kohlrusch 

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