Eva Kohlrusch, die Journalistin

Texte von Eva Kohlrusch

Rückblick auf die Flut 2002

Da draußen überm Maisfeld aalt sich der Sommer. 30 Grad, ein einziges goldenes Glühen bis zum Waldsaum. Die uralten Eichen sind sattgrün wie nie im August, im Garten prunken die Rosen, hinterm Zaun dösen die Kühe. Donnerstag, 22. August, ein Tag, so schön und schizophren, dass das Herz schmerzt. Denn die Natur lügt mit ihrem Frieden. Dahinten, 14 Kilometer von meinem Haus entfernt, rollt immer noch die Sintflut. Unaufhaltsam nähert sie sich. Du darfst dem Glanz da draußen nicht trauen. Mein rotgoldenes Maisfeld stinkt, weil es schon seit Wochen im Wasser steht. Die hohen Hecken faulen, der gesamte hintere Teil des Gartens ist bereits verrottet, wo Wiese war, ist ein See. Hier im Landkreis Lüchow-Dannenberg steht seit langem Hochwasser in den Feldern, viele Bauern sind ruiniert. Nun, da die Elbeflut heranrollt, staut sich das Flüsschen Jeetzel, und die Kanäle und Gräben schwellen mit ungekannter Macht an. Dreh dich ein wenig, dann siehst du die Brüche dieses sonnigen Tages: Das Haus von Sandsäcken umstellt, das Mobiliar unters Dach verschleppt - wir sind Fluterwartungsgebiet. Angstgebiet. Und wir sind die vorletzte Station der Elbeflut; da haben sich schon elf Tage Angst angestaut. Die Nerven liegen blank, weil niemand weiß, welche Zerstörung droht. Hier kommt alles noch erst, während vor den Fernsehkameras stereotyp dieser Satz fällt: „Das Wichtigste ist jetzt, nach den Flutschäden den Wiederaufbau voranzutreiben.“


Das ist der zweite Teil der Schizophrenie: Dies ist eine rollende Katastrophe, unablässig auf Tour. Erst in Hamburg wird sie verebben. Aber schon ziemlich früh – nach Dresden und Bitterfeld, oder war es erst nach der Lutherstadt Wittenberg? – war für die Politik das Voranrollen nicht mehr interessant. Die Politiker begannen, nur noch die bereits eingetretenen Schäden und Opfer zu zählen. „Der Wiederaufbau hat Vorrang vor allem“, sagte Hans Eichel, als die Flutbeule (60 Kilometer lang und 24 Kilometer breit) mit ihrer unerledigten Katastrophe noch auf halber Strecke bei Magdeburg hing. „Man muss auf das Naheliegende gucken“, sagte Joschka Fischer und sah die Flutopfer vom nächsten Nachmittag nicht. Die Diskussion berauschte sich am ‚Neuanfang’, obwohl das Ende noch gar nicht eingetreten war. Und jetzt, an diesem 22. August, wissen wir hier alle ausführlich, wie es nach der Flut weiterzugehen hat, aber Informationen über unseren Moment vor der Flut haben wir kaum.


Der dritte Teil der Schizophrenie: 400 Kilometer elbabwärts von Dresden schien es das eigene Betroffensein nicht zu geben. „Da kommt nix“, sagten die Bauern, obwohl sie tagelang sahen, was kommt. Das Unvorstellbare wurde verdrängt. „Ach was! Bangbüxen sind wir hier nicht.’“ 


Rückblick: Dienstag, 13. August. Mit den Bildern von Dresden kommt die Flut der Wörter: „Unvorstellbares Ausmaß... Jahrtausendhochwasser... übersteigt die kühnsten Prognosen...“ Ich telefoniere herum. „Quatsch! Das Wendland betrifft das nicht!“ Der Hochwasserexperte der Lüneburger Bezirksregierung sagt: ‚“Das wird nicht schlimmer als das Frühjahrshochwasser.“ Ich glaube ihm nicht. Mein Garten säuft schon jetzt jeden Tag mehr ab. Letzte Woche stand in der Zeitung, die Jeetzel-Deiche seien zu niedrig und marode. ‚Wackelpudding’ wird man später sagen.


Mittwoch, 14. August. Mein Herz ist ein Sintflutfass. Angefüllt mit berstenden Häuser, Tränen und brauner Brühe. Ich will Sandsäcke kaufen. Gibt’s in den Baumärkten nicht, nur beim Kreisamt. 10 Stück pro Haushalt, je 50 Cent. Ich bestelle 1000 Stück bei einer Firma an der Unterweser. Die Sonne lächelt. Unerträglich schön neigen sich die purpurnen Rosen, überm Lavendel wiegt sich ein Meer von Schmetterlingen. Der Gärtner will versuchen, eine Kolonie großer Buchskugeln aus dem Schlamm zu graben; vielleicht kann man sie noch retten. Ich sollte auch im Haus die wichtigsten Dinge ins Dachgeschoss tragen. Aber ich sitze da und fresse Fernsehbilder. Keine Chance, etwas über meine Landschaft zu erfahren. Nur deswegen bin ich hysterisch, nur wegen dieser verdammten Einengung des Blicks. In tiefer Bewunderung starre ich auf Menschen, die den Mut nicht verlieren. 


Donnerstag, 15. August. Die Säcke sind da. Der Sand auch. Ich traue mich nicht, meinen eigenen Ängsten zu glauben. Das Dorf wird lachen. Typisch Städterin! „Nee, nee, wir liegen hier hoch...“Anruf beim Katasteramt. Mein Dorf liegt 15,40 Meter über Normalnull. 15,49 Meter werden erwartet, wenn was passiert. Wenn! Die letzte große Flut von 1887 ging bis 15,37 Meter. Immerhin; 3 cm Luft sind ja schon was.


Freitag, 16. August. In der örtlichen Zeitung steht zum ersten Mal etwas Lokales über die Flut: ‚“Hitzacker muss sich wohl auf Ungemach einstellen.“ Und in Lüchow wird ab 8.30 Uhr eine Flutkonferenz stattfinden. Ich kaufe Katzenstreu in Mengen, weil die elf Hofkatzen bei Gefahr im Dachgeschoss Asyl nehmen müssen. Das Erdgeschoss starrt mich an. Wozu brauchte ich all diese Dinge, die nun zu retten sind? Zwischen Dresden und Torgau stehen immer mehr Menschen vor dem Nichts; ich schäme mich, um meinen sterbenden Garten zu weinen. 


Samstag, 17. August. Hamsterkäufe gemacht. Wasser, Katzenfutter, Batterien. Abdeckfolie gibt es nicht mehr, auch keine Pumpen. Die Jungs von der Dorffeuerwehr füllen meine Sandsäcke und lachen nicht. Die Zeitung zählt Orte auf, die unter Wasser stehen werden. Ich sollte mit dem Packen beginnen und tue es nicht, weil die Katastrophe dann endgültig an die Haut rückt. Was in Niedersachsen geschehen könnte, wird im Fernsehen nicht diskutiert. Der MDR berichtet über Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Der NDR zieht sein übliches Hamburg-Programm durch. Studio Niedersachsen bringt abends 3 Minuten über Dresden. Das Internet ist überlastet. Unsere Information besteht praktisch in der Banderole bei ntv und ist – wie das, was in der Zeitung steht – meist schon von gestern.


Sonntag, 18. August. Zum Elbdeich gefahren, um einen Anhaltspunkt zu finden, was wirklich geschieht. Als ‚Gaffer’ verjagt; Gaffer sollen jetzt bis zu 5000 Euro Strafe zahlen. Die Elbe ist überwältigend voll. Mein Gott – wie verdächtig behutsam sie schwillt! Ein Mississippi ist sie, der mächtige Urstrom, der sie einmal war. Bestürzend schön. Ich schlafe zum ersten Mal wieder ruhig: Die Auen, die geflutet werden können bei Hochflut, sind riesig. Wird schon nicht so schlimm kommen. Das Herz kann sich wieder ganz denen zuwenden, die ihre Existenzen verloren. Sintflut? „... Ich will eine Sintflut mit Wasser kommen lassen auf Erden... denn die Erde ist voll Frevels“, sprach Gott zu Noah. Ich träume vom Schneckengott: Ich sei schuld, weil ich den ganzen Sommer lang Nacktschnecken tötete.


Montag, 19. August. Im Landkreis werden Helfer mobilisiert. Die Deiche sind aufgeweicht. Überall brummt es jetzt vor Aktivität. Das Kreisamt erlaubt maximal 100 Sandsäcke pro Haushalt. Der Katastrophen-Alarm ist ausgelöst. Ab Mittag werden meine Möbel unters Dach geschafft. Fiebrige Stimmung. Was wird die Flut in der Region machen? Weder der Niedersachse Gerhard Schröder, noch der Gorleben-Widerständler Jürgen Trittin, noch Peter Struck aus Uelzen erwähnen, dass an diesem Elbabschnitt noch viele bangen. Der Bundestag berät, wie man den Flutschaden-Wiederaufbau im Osten finanziert.


Dienstag, 20. August. Sandsäcke werden jetzt ohne Begrenzung vom Kreisamt verkauft, aber es gab nicht genug. Ab sofort sind die Männer Tag und Nacht zum Deichdienst eingeteilt. Im Fernsehen fragt ein Reporter einen Mann, der bis zur Hüfte im Wasser steht: „Hätten Sie je gedacht, dass Ihre Fische einmal durch den ganzen Garten schwimmen würden?“ Der Kanzler fährt im roten Porsche durch den Fernsehkasten, auf dass wir alle Mut zum Wiederaufbau haben: „Niemandem soll es nach der Flut schlechter gehen als vorher.“ Uns teilt die Samtgemeinde Lüchow auf roten Zetteln mit, wer in den nächsten Tagen wo und wie tief absaufen wird. Und dass das Wasser, wenn es zu lange auf den Deichen steht, ihre Belastbarkeit strapazieren wird. Ich bin seltsam unbewegt. Was kommt, kommt jetzt halt. Nachts gehen in den Dörfern rundum die Sirenen. Hubschraubergedröhn. Wie schmerzlich schön die Rosen im Morgenlicht glühen. 


Mittwoch, 21. August. Bei Gartow ist der Deich gebrochen. Im Schloss der Bernstorffs laufen die Kellergewölbe voll. Drüben am jenseitigen Elbufer in Dömitz wechseln sich Angst und Galgenhumor ab. Weiter unten versinkt Hitzacker. Die Reporter hören nicht auf herzubeten, die Norddeutschen machten sich nichts aus Hochwasser. Vier Millionen Menschen sind jetzt insgesamt von der Flut betroffen. Ich müsste einige Sandsäcke neu packen; sie sind zu voll und zu wenig schmiegsam. Ach, tun wir’s morgen... Wie affig mancher Fernsehspaß jetzt wirkt. Im MDR erzählt jemand, dass sich diverse evakuierte Kühe gegen fremde Melkmaschinen wehren. Den Kühen hinter meinem Gartenzaun bleibt noch ein kleiner trockner Wiesenbuckel; sie sollen trotzdem bleiben. Gerade hat man Kluges von Brandenburgs Ministerpräsident erfahren: Er sprengt Deiche und schickt einen Teil der Elbe in die Havelpolder. Dass andere versinken, wird uns für einige Zeit retten. 


Donnerstag, 22. August. Hektik in Lüchow. Diverse Häuser zugemauert. Bananen und Mückenmittel ausverkauft. Schulen geschlossen. Viele Kinder helfen Säcke schleppen. Die Jungs vom THW machen Deichwache im Laufschritt trotz der Mittagsglut. Im Fernsehen zeigen sie immer nur Hitzacker, wo unser Fluss Jeetzel münden will und nicht kann. Holländer wurden gerufen, die mit Rat und Pumpen helfen. Unsere Dorffeuerwehr und andere Freiwillige treten jetzt im 6-Stunden-Rhythmus an. Schuften, schlafen, schuften, und der Elan endet immer noch nicht. Nur irgendwo flussaufwärts haben sie einen Feuerwehrhauptmann mit einer Kiste Bier in seinem Haus eingeschlossen – diese Flut überfordert viele. Es sind jetzt 23 000 todmüde Helfer in der Region, die tauchen, Folien legen, Container an den Deichfüßen versenken. Die Sorge um die inneren Deiche der Jeetzel wächst. Das Wasser wird lange bleiben. Wenn es bloß nicht noch regnet! Nachmittags wird ein Krankenhaus evakuiert. „Die Flutwelle fällt deutlich niedriger aus als erwartet“, meldet ntv. Zappen nützt nichts – überall wiederholen sie alte Berichte.


Freitag, 23. August. Die Deiche haben gehalten. Die Stimmung ist verhalten optimistisch. Meine Sandsäcke am Haus wirken seltsam übertrieben. So eine große Katastrophe, die sich ihrem Ende zuneigt. Und so kleine eigene Sorgen.... Überm stinkenden Maisfeld flimmert der Sommer. Es ist unheimlich still. Alles ist und war immer schon, sagt die Ruhe.

 

Eva Kohlrusch 

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